Tauben-Code geknackt?!

Wir erinnern uns: Bei einem Einsatz im 2. Weltkrieg hatte Sergeant W. Stot eine verschlüsselte Botschaft mittels Brieftaube an die eigene Truppe geschickt. Die Brieftaube erreichte ihr Ziel nie. Stattdessen fand man vor einigen Wochen ihre Überreste zusammen mit der verschlüsselten Nachricht in einem Kamin. Das Geheimnis um den Tauben-Code war geboren. Anscheinend wurde ein Code-Büchlein verwendet, bei dem mit ziemlicher Sicherheit zusätzlich ein sogenanntes One-Time-Pad zum Einsatz kam. Ohne Code-Büchlein besteht keine Aussicht darauf, jemals zu erfahren, was genau Sgt. Stot seinen eigenen Leuten mitteilen wollte.

Siehe Das Rätsel um den Tauben-Code

*

Der Unterschied zwischen Entschlüsseln, Knacken und Raten *

Die Welt titelt „Historiker knackt Code der Weltkriegs-Brieftaube“. Einen Code brechen oder knacken bedeutet im Zusammenhang mit unserer Brieftaubennachricht, dass man OHNE Verwendung des passenden Code-Buchs die Klartextnachricht ermittelt. Verwendet man das zugrunde liegende Code-Buch, spricht man von Entschlüsseln.

Der kanadische Historiker Gord Young behauptet jetzt, die Nachricht mit Hilfe eines alten Handbuchs der Royal Artillery geknackt zu haben. Sein Großonkel, Soldat im 1. Weltkrieg, habe ihm dieses Handbuch vererbt. Mit Hilfe dieses Buches meint Young jetzt, die Nachricht entschlüsselt zu haben. 17 Minuten, mehr war nicht nötig.

Tauben-Code

Tauben-Code

Der britische Geheimdienst GCHQ (Government Communications Headquarters in Cheltenham) hingegen bleibt bei seiner Aussage, dass die Nachricht ohne die verwendeten Code-Bücher und Details über möglicherweise zusätzlich verwendete Verschlüsselung unmöglich zu entschlüsseln ist.

Was glaubt unser Historiker entschlüsselt zu haben? *

Young ist der Meinung, es handle sich beim Verfasser um den damals 27 jährigen Sergeant William Stott, der als Infanterist in der Normandie eingesetzt war. Mit einigen Brieftauben war er beauftragt, Informationen über deutsche Truppen in Erfahrung zu bringen und damit seinen Beitrag zur D-Day Offensive 1944 zu leisten. Sgt. W. Stott ist wenige Wochen nach seinem Einsatz gefallen und fand seine letzte Ruhe auf einem Soldatenfriedhof in der Normandie. Soweit, so gut. Um dieser Meinung zu sein, muss man keine Nachricht entschlüsseln, sondern nur die Berichterstattung verfolgt haben und etwas recherchieren.

Jetzt zum angeblichen Inhalt der geheimnisvollen Botschaft.

Hit Jerry’s right or reserve battery here.
Troops, panzers, batteries, engineers, here.
Counter measures against panzers not working

Die Bezeichnung Jerry steht dabei für deutsche Soldaten. Truppen, Panzer, Geschütze, Pioniere. Gegenmaßnahmen gegen Panzer greifen nicht.

Die vorgeblich entschlüsselte Nachricht ist stimmig. Allerdings nicht stimmiger, als die frei erfundene Einleitung zum Artikel Das Rätsel um den Taubencode. Young fand die Ähnlichkeit der verschlüsselten Nachricht mit Einträgen im Code-Buch seines Großonkels frappierend. Das aus dem 1. Weltkrieg stammende Büchlein enthielt stenografische Abkürzungen. Entsprechend interpretierte Young die Zeichenfolge

AOAKN als Artillery Observer at K (section) Normandie

Oder

LKXGH als Lieutant knows extra guns (are) here.

Müssen Sie schmunzeln? Ich schon! Warum? Weil Mr. Young interpretiert, rät und nicht entschlüsselt oder knackt. In die Zeichenfolgen kann man alles interpretieren.

Tauben-Code

Tauben-Code

CMPNW (bei 1) führt bei Mr. Young anscheinend zu „Counter measures against panzers not working„, HJRZH (bei 2) zu „Hit Jelly’s right or reserve battery here“.

Wie sieht es mit meinem folgenden Vorschlag aus?

AOAKN

All officers are know-nothingisms oder Am Ofen außen kalte Nudeln

Einem Native Speaker würden zu den angeblichen Abkürzungen rasch unzählige Formulierungen in den Sinn kommen, die ebenso in den Kontext des 2. Weltkrieges passen würden.

In der Botschaft taucht Q deutlich häufiger auf, als dies bei der normalen Verteilung in der englischen Sprache der Fall wäre. Auch einer einfachen Verschiebung des Alphabets (wie bei Cäsar Chiffre oder ROT13) kann man dies nicht zuordnen. Unwahrscheinlich also, dass man es mit einem derart einfachen System zu tun hat, wie es Young glaubt, gefunden zu haben.

9 mal A-3 mal B-3 mal C-6 mal D-4 mal E-6 mal F-6 mal G-8 mal H-4 mal I-5 mal J-9 mal K-3 mal L-5 mal M-9 mal N-7 mal O-7 mal P-6 mal Q-9 mal R-2 mal S-5 mal T-4 mal U-2 mal V-2 mal W-4 mal X-3 mal Y-4 mal Z

Die Nachricht ist zwar zu kurz, um hier fundiert zu argumentieren, dennoch sieht man, dass die Buchstaben statistisch mit „annähernd“ gleicher Häufigkeit auftreten. Ein ziemlich deutliches Indiz für einen Fehler in Youngs Argumentation.

Entsprechend teile ich die Bedenken des GCHQ. Läge ein Codebüchlein vor, mit dessen Hilfe man den Inhalt der verschlüsselten Nachricht zweifelsfrei und eindeutig in den Klartext überführen könnte, dann, ja, dann. Aber so halte ich die Mutmaßung des Herrn Young eher für einen interessanten Beitrag zum Thema.

Entscheiden Sie selbst, ob der Tauben-Code als ungelöstes Rätsel des 2. Weltkrieges fortbesteht, oder das Kapitel geschlossen werden kann!

Oder raten Sie einfach mit:

AOAKN HVPKD FNFJW YIDDC
RQXSR DJHFP GOVFN MIAPX
PABUZ WYYNP CMPNW HJRZH
NLXKG MEMKK ONOIB AKEEQ
WAOTA RBQRH DJOFM TPZEH
LKXGH RGGHT JRZCQ FNKTQ
KLDTS FQIRW AOAKN 27 1525/6

 

Quellen:

Welt: Historiker knackt Code der Weltkriegs-Brieftaube

Gulli: Zweiter Weltkrieg: Tauben-Code entschlüsselt?

ABC: History buff says he’s cracked WWII pigeon code

Insbesondere der ABC Artikel ist ausführlich und geht etwas genauer auf die Vorgehensweise beim angeblichen „Entschlüsseln“ ein.

Das könnte Dich auch interessieren...

Zum Angang...