Sicherheit hat einen hohen Preis

Aktuelle Meldungen lassen erneut aufhorchen! So heißt es, dass die Berliner Polizei millionenfach Handy-Daten gerastert habe. Natürlich streng nach Recht und Gesetz. In China läuft das Projekt „Sichere Stadt“ auf Hochtouren und weckt im Ausland Begehrlichkeiten.

Natürlich ist es ein Bestreben eines jeden von uns, das eigene Leben um jeden Preis zu schützen. Schließlich hat man nur das eine. Wir haben Sicherheitsgurte und Airbags in unseren Autos, tragen Helme auf den Skipisten, versuchen, uns gesund zu ernähren, treiben Sport, nutzen Anti-Aging Produkte und schließen sogar Lebensversicherungen ab.

Leider hat jedes Angst-schürende Ereignis bei uns Menschen ein – zumindest kurzzeitiges – Aussetzen des gesunden Menschenverstandes zur Folge. Ein Terroranschlag oder ein grausames Einzelereignis, sofern nur medienwirksam genug dargestellt, bewirkt, dass wir sehr bereitwillig weitgehenden Einschnitten in unsere Freiheit zustimmen. Dieses Verhalten hat es mit „Sicherheit“ schon immer gegeben. Warum also aufregen?

Rechtssystem als Grundpfeiler des Zusammenlebens *

Eigentlich dürfte genau dieses Verhalten (Angriff auf Hab und Gut, Leib und Leben und die daher abgeleitete Maßnahme zum Schutz) maßgeblich zur Bildung unseres Rechtssystems beigetragen haben. Das Rechtssystem als Grundpfeiler unseres Zusammenlebens regelt, was und wer gut oder böse ist. Um das Leben lebenswert zu machen, muss dieses Regelwerk allerdings so gestaltet werden, dass man eine Ausgewogenheit zwischen Sicherheit und Freiheit erreicht. Die Entscheidung, wie man die Aufteilung vornimmt ist Sache einer Gemeinschaft. Einigt man sich darauf, Freiheit in vollen Zügen ausleben zu können, muss man Abstriche an der Sicherheit machen. Legt man den Focus auf Sicherheit, hat man eben weniger Freiheiten. Klingt zunächst sehr abstrakt!

Einfaches Beispiel: Wenn Sie überall so schnell fahren dürften, wie Sie möchten, dann ist die Freiheit grenzenlos, die Sicherheit allerdings nahe Null. Wenn wir raumgreifend eine Zone 30 einführen, ist mit Freiheit nicht mehr viel los, aber sicher ist es.

Freiheit kontra Sicherheit *

Damit eine Gesellschaft ein fundiertes Urteil fällen kann, ob im Einzelfall eine Erhöhung der Sicherheit und ein Einschnitt in die Freiheit gerechtfertigt sind, sind umfängliche und unverzerrte Informationen nötig. Kennen Sie das Sprichwort „Aus einer Mücke einen Elefanten machen“? Natürlich! In weiten Zügen charakterisiert dieses Sprichwort genau das, was es immer öfter in den Medien zu sehen gibt. Einzelereignisse werden derart überzeichnet, dass sich jeder von uns unmittelbar bedroht fühlt. „Schon 37 Tote durch EHEC“, „Wespen Alarm in Franken, schon 3 Tote“, „Pandemie in Deutschland: Drei Schweinegrippe-Tote an einem Tag“, „Wieder 2 Tote durch Kampfhunde“. Ich könnte die Liste beliebig fortsetzen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Jede Zahl ist ein Schicksal, nichts soll beschönigt oder pietätlos dargestellt werden. Das ist nicht meine Art! Aber die nackten Zahlen sollen einfach klar machen, wie verzerrt unsere Wahrnehmung von Bedrohung ist. Sie werden mit Sicherheit staunen!

Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst … *

Ich habe mir dazu einmal die Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2010 angesehen. Sie können diese Liste hier laden:

Todesursachenstatistik

Wissen Sie, was Erysipel (Wundrose) ist? Ich nicht so wirklich! Aber in 2010 gab es immerhin 282 Tote aufgrund dieser Krankheit. Sepsis rafft Leute reihenweise dahin. Es gibt mehr als 170 Tote durch Zusammenstöße von Fußgängern mit Eisenbahnzügen. Es gibt in Deutschland jedes Jahr ca. 11.000 Suizide und, ja wirklich, im Schnitt 5 Tote durch Blitzschlag (USA ca. 100). Es gibt in Deutschland ca. 1,6 Millionen Alkoholabhängige. Angeblich sterben in jedem Jahr ca. 42.000 Menschen un-/mittelbar an den Folgen der Alkoholsucht.

Es gibt sogar Zahlen, die belegen, dass pro Jahr von 1000 Einwohner 10 sterben. Man nennt das einfach Sterblichkeitsrate oder Mortalität. In Deutschland gibt es im Jahr insgesamt ca. 850.000 Tote.

Die Verzerrung der Wirklichkeit *

Merken Sie, wie Sie beeinflusst werden, wie man mit Schlagzeilen ein völlig unrealistisches Bild zeichnet und uns „Angst“ macht? Die Medien steigern durch diese Maßnahmen die Auflage. Schnell ist der Volkszorn angefacht und die Rufe nach einer Lösung für ein „nicht“ vorhandenes Problem werden laut. Meist dauert es dann auch nicht mehr lange, bis sich die Politik berufen fühlt, etwas gegen das vermeintliche Problem zu unternehmen.

Lobbyismus *

An dieser Stelle kommt jetzt aber die Lobby ins Spiel. Interessenvertretungen, die mehr oder weniger Macht ausüben können. Wenn Sie sich die Sterbezahlen ansehen, liegt es nahe, dass wir zunächst einmal Alkohol unter Verbot stellen und das Rauchen auch im privaten Umfeld verbieten.

Der Umgang mit Rauchern zeigt indes leichte Züge von einem bestehenden Missverhältnis zwischen Freiheit und Sicherheit. Sicher, Passivrauchen ist wahrscheinlich nicht wirklich gesund, man schädigt also in gewisser Hinsicht beim Rauchen auch Dritte. Wenn ich mit meinem alten Diesel durch die Gegend fahre, mache ich das aber bedauerlicher Weise auch. Die Gesundheitskasse belaste ich durch mein Rauchen. OK, das ist nicht in Ordnung! Aber wann wird der Verzehr von Fastfood endlich reglementiert? Diabetes Typ 2 ist auch nicht billig. Wieso dürfen Leute Drachenfliegen oder Klettern? Ist doch auch gefährlich und belastet die Kassen!

Staatstrojaner JETZT! *

Jetzt gibt es aber eine spezielle Art von Ereignis, bei dem wir ganz besonders aufpassen müssen.

Diese Ereignisse sind höchst kriminelle Aktivitäten und Terrorakte.

Kennen Sie eine Schlagzeile in den Medien wie „Wir sind das Volk, wo bleibt die Online-Durchsuchung“ oder „Politiker! Wir wollen mehr Überwachungskameras!„. Kommt nicht sehr oft vor! Die Lobby die sich für solche Dinge stark macht, stammt zumeist aus der Ecke der Ermittlungsbehörden. Hier wird gnadenlos mit jedem Terrorakt, gleich, in welchem Winkel dieser Erde er stattfand, laut nach erweiterten Rechten und mehr Mitteln gerufen. Keiner findet Terror gut, niemand wird sich auf die Seite von Drogenhändlern, Geldwäschern und Menschenhändlern schlagen. Das überzeichnete Bild, welches uns vorgaukelt, wir seien unmittelbar bedroht und von diesen Elementen nur so umzingelt, macht uns weich und mürbe. Schließlich akzeptieren wir die, mit den Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit einhergehenden tiefen Einschnitte in unsere Freiheit.

Kann man den Ermittlungsbehörden deshalb einen Vorwurf machen? Nein! Die Exekutive hat einen Auftrag. Diesen Auftrag muss sie zumeist mit wenig personellen und materiellen Mitteln erfüllen. Jede Neuanschaffung, jede Planstelle muss mühsam belegt und begründet werden. Selbstverständlich nutzt man daher die Wirkung solcher medienpräsenter Ereignisse aus. Die Gunst der Stunde wird genutzt. Man reitet mit auf der Medienwelle, die man selbst ja nicht losgetreten hat.

Weiterbildungspflicht für Politiker *

Der Rüffel muss an dieser Stelle eher in Richtung Legislative gehen. Hier hat man es nicht selten genug mit geballtem Unwissen zu tun. Unwissen darüber, was es mit der Technik auf sich hat, welche Möglichkeiten sich aus einer bestimmten Technik ergeben, welche Risiken resultieren etc. Die Computerisierung unseres Alltags eröffnet ungeahnte Möglichkeiten im Bereich der Überwachung. Die Entwicklung ging derart rasant vonstatten, dass ein zeitgleicher Generationswechsel in der Politik nicht stattfinden konnte. Die meisten unserer Abgeordneten dürften sich im Umgang mit dem Computer so geschickt anstellen, wie ich mit dem Einrad auf dem Drahtseil. Ich kann Drahtseil und Einrad korrekt benennen, weiter nichts. Wie aber soll jemand fundiert über etwas entscheiden können, ohne wenigstens über Basiswissen zu verfügen? Hersteller von Überwachungssystemen versprechen natürlich alles, was der geneigte Politiker hören möchte. Natürlich sind die Systeme verlässlich, selbstverständlich sicher! Missbrauch? Ausgeschlossen! Fehlbar? Ach wo!

Natürlich will ich beim nächsten Oktoberfest nicht in die Luft gesprengt werden! Ich möchte aber auch nicht, dass man jeden meiner Schritte überwacht. Darf ich mir jetzt die Frage stellen, was mir wichtiger ist? Ist es mir wichtiger, nicht in die Luft gesprengt zu werden, oder nicht überwacht zu werden. Ja, ich kann mir diese Frage stellen. Aber Vorsicht! Die Fragestellung setzt ja quasi voraus, dass ich, sofern ich einer Überwachung nicht zustimme, in die Luft gesprengt werde, die Wahrscheinlichkeit des Ereignisses „Freiflug durch Detonation“ also gleich eins ist. Dem ist aber nicht so. Es ist eher unwahrscheinlich, dass mir das passiert. Nächstes Jahr werden Sie ja sehen, ob ich im Oktober noch etwas schreibe. Ich würde also dem eher unwahrscheinlichen Fall meine komplette Privatsphäre opfern. Nehmen Sie das obige Beispiel mit den Toten durch Blitzschlag. Gehen Sie mit dem Wissen um die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz getroffen zu werden, jetzt nicht mehr vor die Tür?

Gerade in einem Land wie Deutschland mit seinem historischen Hintergrund, wäre ein extrem vorsichtiger und weise abwägender Umgang mit dem Thema Überwachung angebracht.

Wie kann man das Problem in den Griff bekommen? *

Im Prinzip nur durch Wachsamkeit derjenigen, die sich mit der Thematik auskennen und kritisch fundiert mit dem „Problem“ umgehen. Was Engagement und Aufklärung bringt, hat sich zumindest beim Thema Vorratsdatenspeicherung gezeigt.

Und wissen Sie, was ich in meiner täglichen Arbeit immer wieder bewundernswert finde? Es sind Telefonate mit älteren Damen und Herren, die mir erzählen, dass sie zwar schon in Rente seien, sich aber mit dem Thema Computer beschäftigen wollen. Hut ab! Das Stünde unseren Politikern nicht schlecht. Hier tut Weiterbildung Not. Wissen, worüber man spricht und vor allem entscheidet, ist wieder in! Zudem bedarf es gerade im Umfeld von Überwachung einer unabhängigen Kontrolle, die fachkompetent ihre Arbeit verrichtet. Einer meiner Lieblingssprüche lautet: „Wer kontrolliert den Kontrolleur“. Einsatz ungeeigneter Mittel im Zusammenhang mit der Quellen Telekommunikationsüberwachung (Bundestrojaner) oder die unglücklichen Aktionen des Verfassungsschutzes in jüngster Vergangenheit (Überwachung der Abgeordneten der Linkspartei) zeigen, dass die Überwachung der Überwacher mangelhaft ist.

Apropos *

Wissen Sie, wie viele Tote wir in Deutschland durch einen Terrorakt zu beklagen haben? Raten Sie mal!

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1 Antwort

  1. Danke für den schönen Beitrag zum Thema. Ich beschäftige mich ja auch mit dem Thema „Wir gehen jeden Tag unzählige Risiken ein“ und habe dazu schon viel gelesen (Narren des Zufalls, etc.). Man kann nur immer wieder auf diese Zusammenhänge und Statistiken hinweisen, aus meiner Erfahrung werden nur die Leute leider nicht schlauer. Ich habe auf meiner Website (wird gerade neu gestaltet) einen schönen Film zum Thema http://www.sbfinanz.de/investment/chance_risiko/Chance_Risiko.html und gehe bei jeder Beratung auf diesen Punkt ein.
    Viele Grüße und Danke
    Stefan Benkert

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