Ermittlungsverfahren gegen Firmeninhaber von ArchiCrypt eröffnet

Ein wenig überrascht war ich, als ich heute Morgen meine E-Mails abrief. Man hatte mich nach all den Jahren erwischt! Im Prinzip bin ich erleichtert. Sie haben sicher auch schon davon gehört, dass Tätern, zum Zeitpunkt des Erwichtwerdens ein Stein vom Herzen fällt. Schluss mit der Geheimnistuerei, ein Befreiungsschlag für die geschundene Seele. Sicher wird man mir auch psychologische Hilfe an die Seite stellen oder zumindest die Möglichkeit geben, mich in einer Selbsthilfegruppe meinem wahren Ich zu stellen.


„Ja, mein Name ist Patric Remus und ich werfe ab und zu Gartenabfälle nicht in die Biotonne, sondern in den normalen Hausmüll. Jetzt ist es raus!“

Doch halt, die Anklage lautet ja ganz anders:

„Guten Tag,

in obiger Angelegenheit zeigen wir die anwaltliche Vertretung und Interessenwahrung der Firma Videoxxx GmbH, MüncheXXX, 451XXX, an.

Gegenstand unserer Beauftragung ist eine von Ihrem Internetanschluss aus im sogenannten Peer-to-Peer-Netzwerk begangene Urheberrechtsverletzung an Werken unseres Mandanten. Unser Mandant ist Inhaber der ausschließlichen Nutzungs- und Verwertungsrechte im Sinne der §§ 15ff UrhG bzw. § 31 UrhG an diesen Werken, bei denen es sich um geschützte Werke nach § 2 Abs 1 Nr. 1 UrhG handelt.

Durch das Herunterladen urheberrechtlich geschützer Werke haben sie sich laut § 106 Abs. 1 UrhG i.V. Mit §§ 15,17,19 Abs. 2 UrhG nachweislich strafbar gemacht. Bei ihrem Internetanschluss sind mehrere Downloads von musikalischen Werken dokumentiert worden.

Aufgrund dieser Daten wurde bei der zuständigen Staatsanwaltschaft am Firmensitz unseres Mandanten Strafanzeige gegen Sie gestellt.

Aktenzeichen: xxx Js xxx/xxx Sta Essen

Ihre IP Adresse zum Tatzeitpunkt:

Ihre E-Mail Adresse: xxx@xxx.com

Illegal heruntergeladene musikalische Stücke (mp3): 17

Illegal hochgeladene musikalische Stücke (mp3): 35

Wie Sie vielleicht schon aus den Medien mitbekommen haben, werden heutzutage Urheberrechtsverletzungen erfolgreich vor Gerichten verteidigt, was in der Regel zu einer hohen Geldstrafe sowie Gerichtskosten führt.

Genau aus diesem Grund unterbreitet unsere Kanzlei ihnen nun folgendes Angebot:

Um weiteren Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und anderen offiziellen Unannehmlichkeiten wie Hausdurchsuchungen, Gerichtsterminen aus dem Weg zu gehen, gestatten wir ihnen den Schadensersatzanspruch unseres Mandanten außergerichtlich zu lösen. Wir bitten Sie deshalb den Schadensersatzanspruch von 100 Euro bis zum 25.11.2011 sicher und unkompliziert mit einer UKASH-Karte zu bezahlen. Eine Ukash ist die sicherste Bezahlmethode im Internet und für Jedermann anonym an Tankstellen, Kioksen etc. zu erwerben.

Weitere Informationen zum Ukash-Verfahren erhalten Sie unter: http://www.ukash.com/de

Senden Sie uns den 19-stelligen Pin-Code der 100 Euro Ukash an folgende E-Mailadresse zahlung@rechtsanwalt-xxx.info

Geben Sie bei Ihre Zahlung bitte ihr Aktenzeichen an!

Sollten sie diesen Bezahlvorgang ablehnen bzw. wir bis zur angesetzten Frist keinen 19- stelligen Ukash PIN-Code im Wert von 100 Euro erhalten haben, wird der Schadensersatzanspruch offiziell aufrecht erhalten und das Ermittlungsverfahren mit allen Konsequenzen wird eingeleitet. Sie erhalten dieses Schreiben daraufhin nochmals auf dem normalen Postweg.“

Es geht um Musikstücke, aha. Der Text ist sehr einschüchternd, also lieber schnell zum Kiosk und mit 100 EURO die Angelegenheit aus der Welt schaffen? Ich denke, dass so manch einer genau das tun wird. Ganz besonders dann, wenn er sich ohne Schutz tatsächlich in Tauschbörsen betätigt.

Aber es gibt sehr deutliche Anzeichen, dass es sich um eine Abzock-Email handelt. Mit meiner persönlichen Checkliste sind solche Mails schnell ausgemacht.

  1. Die Mail ist an eine Adresse gerichtet, die nicht direkt auf mein privates Mail Konto zeigt.
  2. Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass eine Klage per E-Mail angedroht wird.
  3. Der Text ist gut, aber nicht gut genug. In einem anwaltlichen Anschreiben dürften nicht so viele Rechtschreibfehler auftreten, wie in diesem Blog.
  4. Es fehlen die Kontaktdaten des Rechtsanwalts
  5. „Guten Tag, …“ wird kein Anwalt in einem Anschreiben als Anrede verwenden.
  6. Ukash – Ein anonymer Bezahldienst, der von Abzockern im Internet gerne genutzt wird. Der Empfänger der Zahlung bleibt anonym.
  7. Ich nutze keine Tauschbörsen. Musik, Videos und Software werden grundsätzlich bezahlt.
  8. Es geht nicht um den Bioabfall J

Die Mail kann also getrost in die digitale „Bio“-Tonne. Dennoch eine große Sauerei. Man schüchtert ein, verunsichert und zockt ab, was das Zeug hält. Gerade dann, wenn man Heranwachsende im eigenen Haushalt hat, wird es eng. Hier wird schnell aus Unwissenheit ein Verstoß gegen Urheberrechte begangen. Das kann natürlich  auch berechtigte Post vom richtigen Anwalt zur Folge haben. In diesen Fällen heißt es: Vorbeugen und aufklären!

Hierzu hat Herr Rechtsanwalt Christian Solmecke aus der Kölner Kanzlei Wilde Beuger & Solmecke einen Leitfaden für Eltern (Handbuch Filesharing – Erste Hilfestellung für Eltern und andere Abgemahnte mit vielen hilfreichen Tipps und Beispielen zur Veranschaulichung) erstellt, den ich allen wärmstens ans Herz legen kann.

Link zum Leitfaden: http://www.wbs-law.de/wp-content/uploads/2010/02/handbuch_filesharing_wbs-lawde.pdf

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