Das Rätsel um den Tauben-Code

Die Geburt des Tauben-Code Rätsels!

Sergeant W. Stot liegt seit Stunden unter Beschuss, seine Munition ist aufgebraucht, das Ende absehbar. Sein letzter Trumpf ein kleiner Holzkäfig mit einer entkräfteten Brieftaube. Zitternd beginnt er mit Hilfe eines kleinen Codebüchleins eine letzte Nachricht an X02 zu verfassen. Wenn sein letztes Stündlein geschlagen haben sollte, wollte er auf jeden Fall ein paar Feinde mitnehmen. Genaue Informationen über Truppen und deren Stärke würden der eigenen Artillerie die Möglichkeit geben, ordentlich Rabatz zu machen. Erschöpft, aber irgendwie auch zufrieden, rollt er den kleinen Zettel mit der verschlüsselten Botschaft zusammen und verbirgt sie sicher in der roten Kapsel, die sich am Fuß seines gefiederten Kampfgenossen befindet. Mit Tränen in den Augen wirft er NURP.40.TW.194 gen Himmel und leistet so seinen Beitrag zum gelungenen Start. „Ich zähle auf dich“ ruft er, während er beginnt, die benutzte Seite des Codebüchleins genüsslich zu kauen. Das Tauben-Code Rätsel war geboren.

Ja, was mag aus Sgt. W. Stot wohl geworden sein? Hat es sich tatsächlich so oder ähnlich zugetragen? Wir wissen es nicht! Was wir jedoch wissen ist, dass Taube NURP.40.TW.194 oder NURP.37.OK.76 ihren Weg zu den eigenen Truppen leider nicht gemacht hat.
Vor wenigen Tagen entdeckte David Martin die Überreste des einst gefiederten Nachrichtenüberbringers bei Arbeiten an seinem Kamin. Immerhin fand sich die rote Kapsel mit der verschlüsselten Nachricht. Einer Nachricht die es schafft, etwas Farbe in den oft so grauen Alltag eines Kryptanalytikers zu zaubern. Fast unheimlich wirkt in diesem Zusammenhang die symbolhafte Farbenbracht des Tüchleins, auf das die Überreste von NURP liebevoll gebettet sind.

 

Die Nachricht strahlt hingegen deutlich weniger Freude aus, sondern spiegelt den grausamen Alltag des Krieges wieder.

Tauben-Code

Tauben-Code

Die Nachricht ist an X02 gerichtet, sie ist verschlüsselt/codiert. Daneben findet man die Kennungen von zwei Tauben. Um welchen NURP es sich bei unserem Fundstück handelt, bleibt ungewiss. Als Absender findet man die Signatur Sjt. W. Stot.

Was ist ein Codebuch und wie könnte man als Kryptanalytiker etwas Licht ins Dunkel der geheimnisvollen Botschaft bringen? *

Vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch an seine Bundeswehrzeit. Dort gab/gibt es – ich hoffe, ich verrate hier nichts, was ich nicht dürfte – auch Codetafeln, die für einen bestimmten Zeitraum Begriffe mit strategisch/taktischer Bedeutung verschleiern. Wollte man zum Beispiel eine Nachricht übermitteln, in der man mitteilte, dass vor Brunsbüttel eine Mot-Schützendivision lag, bastelte man sich aus den Begriffen der gültigen Codetafel die zu übertragende Botschaft zusammen.

Die Nachricht „Oma’s Zuhause ist voller Hausschuhe“ ließ beim Empfänger mit der passenden Codetafel die Alarmglocken schrillen. Wer hingegen die Nachricht ohne Codetafel in die Hände bekam, konnte sich höchstens am Kopf kratzen. Wenn man allerdings aus dem Raum Brunsbüttel ständig Nachrichten über „Oma’s Zuhause“ abfangen konnte, war irgendwann klar, dass man es in Wahrheit mit Nachrichten zu tun hatte, die sich um Brunsbüttel drehten.

Im Krieg waren die Codebücher kompliziert aufgebaut. Im vorliegenden Fall waren die Codes anscheinend mit Hilfe eines One-Time-Pads (OTP) zusätzlich verschlüsselt. Bei einem One-Time-Pad handelt es sich um einen Zufallszeichenfolge, die genau ein einziges Mal zur Verschlüsselung verwendet werden darf. Verschlüsselt man mit einem OTP, dann muss dieses OTP genau so lang sein, wie die zu verschlüsselnde Botschaft. Wenn Sie eine 1 Megabyte große Datei mit einem OTP verschlüsseln wollen, muss diese OTP also ebenfalls 1 Megabyte groß sein. Das macht die Anwendung in der Praxis so unglaublich kompliziert bzw. in vielen Fällen unmöglich. Dennoch kann es sich lohnen. Findet man das passende Codebüchlein nicht, ist es unmöglich dem vergilbten Zettel des Sjt. W. Stot sein Geheimnis zu entlocken. OTP Verfahren sind mathematisch nachweisbar unknackbar. Auf der einen Seite schade, auf der anderen Seite muss man aber anerkennen, dass es vor so langer Zeit gelang, unter widrigsten Umständen verschlüsselte Nachrichten zu verfassen, die gestern wie heute unknackbar sind.

Klar, dass es unmittelbar nach dem Fund zu Verschwörungstheorien kam. Man sei zwar auf Regierungsseite in der Lage, die Nachricht zu entschlüsseln, allerdings habe die Nachricht wohl heute noch eine Brisanz, die ein Öffentlichmachen des Inhalts verbietet.

Naja!

Ich denke, es gibt in diesem Zusammenhang mehr zu lernen, als man es aus einer entschlüsselten alten Botschaft könnte.

Interessant ist zum Beispiel, in welchem Umfang Brieftauben eingesetzt wurden.

250.000 gefiederte Geheimnisüberbringer wurden bei der Royal Air Force ausgebildet

Es war also keine Seltenheit, dass Tauben für den Transport von Nachrichten über den Kanal eingesetzt wurden. Mit Minifallschirmen warf man die Tauben über Gebieten ab, die von Nazis besetzt waren. Eigene Truppen konnten die Tiere dann einfangen und mit Nachrichten Richtung England fliegen lassen.

Jede Taube war mit einer eigenen ID versehen, der man ein paar Informationen über das Tier entlocken kann. Die erste Buchstabengruppe gibt die Herkunft des Tieres an. NURP bedeutete, dass die Taube vom National Union of Racing Pigeons stammte. Die folgenden 2 Ziffern geben an, in welchem Jahr das Tier registriert wurde. NURP.40 war also 1940 in den Dienst der Royal Air Force eingetreten, NURP.37 drei Jahre früher. Die letzten Zeichen in der Bezeichnung individualisieren schließlich den Vogel.

Interessant auch, dass es eine Medaille für kriegsverdiente Tiere gibt. Die PDSA Dickin-Medaille, die man dem tapferen NURP posthum verleihen möchte, ist die höchste Auszeichnung die man als tierischer Kriegsheld erhalten kann. Seit 1943 wurde die Medaille 64 Mal vergeben. Unter den geehrten finden sich 32 Tauben, 28 Hunde, drei Pferde und eine Katze. Besonders die Katze hat es mir mit ihrer Geschichte angetan.

Sicher ist der Inhalt der verschlüsselten Botschaft interessant. Man ist ja neugierig! Was mich aber ebenfalls neugierig macht ist, warum eine Taube in einem Kamin landet. Ich weiß schon, dass es nicht so selten vorkommt, dass ein gefiederter Freund in einem Kamin das Zeitliche segnet! Aber warum?

Weil es dort warm ist? Weil es aus dem Schornstein bisweilen lecker riecht? Weil das Tier, der Sicht beraubt und nach Atem ringend, schließlich genau so abstürzt, dass es den Kaminauslass trifft? Weil es beim Pause machen unglücklich nach vornüber fällt? Meine Google Session mit „Vogel“ „Kamin“ „warum“ brachte leider keine neuen Erkenntnisse J

Inspiriert durch:

Pigeon takes secret message to the grave

Zum Angang...